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Die Buchbesprechung von Didine und KollegInnen
Andreas Steinhöfel: Die Mitte der WeltCarlsen Verlag, 464 Seiten, DM 36.00, gebunden
Geneigte Leserin, geneigter Leser,manche Autoren schreiben so bedeutend große Bücher und scheinen es nicht einmal zu bemerken. Auf jeden Fall scheint der Carlsen Verlag sich mit diesem Buch etwas schwer zu tun, denn die etwas irritiert wirkende Pressefrau bemühte sich schnellstens klar zu machen "Also, solche Bücher haben wir ja eigentlich gar nicht...." Sie meinte "schwule" Bücher. Aber zurück zum Buch. Andreas Steinhöfel ist ein Kinderbuchautor, der u.a. auch für diverse TV-Jugend-Produktionen gearbeitet hat. Nun legt er mit "Die Mitte der Welt" ein so erstaunliches Buch vor, daß man nur begeistert den Kopf schütteln kann über so viel Talent, Erzählfreude und literarischer Größe. Ein fulminantes Buch liegt hier vor. Selten habe ich so schön ausgearbeitete Figuren gefunden, so wundervoll erzählte Kleinigkeiten, die das Leben eben ausmachen... Und aus mir unbekannten Gründen ist dieser Steinhöfel leider kein großer Name in Deutschland. ich bin sprachlos! Zur Story: Steinhöfel präsentiert uns die Kindheit von Phil. Vom ersten bis zum 17. Lebensjahr begleiten wir ihn zusammen mit seiner Zwillingsschwester Dianne und seiner Mutter Glass. Glass kommt als junge Frau hochschwanger aus Amerika nach England, um ihre Kinder bei ihrer Schwester auf die Welt zu bringen. Diese ist kurz vor Glass' Ankunft allerdings verstorben und so erbt Glass das heruntergekommene "Visible", ein altes Gutshaus, auf dem sie nun alleine zurecht kommen muß. Und hier zieht die in jeder Hinsicht exzentrische Glass ihre beiden Kinder auf. Von den anderen Bewohnern der Stadt wird die merkwürdige Mutter mit ihren Zwillingen in dem schrägen Haus gemieden, denn ihr haftet der Ruf der "Hure" an, statt dessen ist sie aber die verständnisvolle Seelentrösterin der Frauen der Umgebung. Unter dem Küchentisch kauern Phil und seine Schwester und bekommen bei den tiefen Gesprächen der Mutter mit ihren zu tröstenden Frauen das ganze Leben präsentiert. Phil ist auf der Suche nach seinem ihm völlig unbekannten Vater, doch seine Mutter verweigert ihm die Auskunft und so tröstet sich Phil mit den vielen Liebhabern seiner Mutter oder mit seiner eigenen Existenz. Von Anfang an ist klar: Phil ist schwul, denn schon im frühesten Alter machen seine Mutter und die besten Freundinnen, ein Lesbenpaar, den obligatorischen Tuntentest, der beweist: der Sohn ist schwul. Das dies nicht Hauptthema, aber wichtiges Nebenthema des Buches ist, ist der große Verdienst Steinhöfels, denn so halten wir in den Händen ein außergewöhnlich gut geschriebenes Buch über das Leben an sich, über die kleinen Geschenke und Siege und die vielen Niederlagen und Rückschläge, die das Leben eben ausmachen. Und somit halten wir keinen "Coming-Out-Roman" in den Händen, auch keinen schwulen und besonders keinen "Problem-Roman", sondern das schönste Buch zum Thema schwule Jugend, daß ich kenne. Dieses Buch ist in einem hervorragenden Stil geschrieben, der mitreißt. Bis auf ein zwei kleine Ausrutscher in etwas zu sentimentale oder platte Beschreibungen, die wir Herrn Steinhöfel sehr gerne verzeihen, ist dieses Buch eine kleine Sensation auf dem (Jugend-)Buchmarkt. Warum dieses Buch als "Jugendbuch" gebrandmarkt wurde ist mir völlig unklar, denn es ist beileibe kein Kinderbuch, sondern ein wundervoller Roman über das Leben und somit ein "Menschenbuch". Dieses Werk ist spontan in meine 10-beste-Bücher-Liste aufgenommen worden. Das beste schwule Buch seit Jahren, einfach beste Literatur.... Eine begeisterte Didine van der Platenvlotbrug
Die Besprechung erschien am 28. August 1999 Wollen Sie einen Kommentar abgeben? Schreiben Sie an Didine van der Platenvlotbrug © 1998, 1999 by Didine van der Platenvlotbrug |