Die Buchbesprechung von Didine und KollegInnen

Sabina Riedl/Barbara Schweder: Der kleine Unterschied.
Warum Frauen und Männer anders denken und fühlen

Franz Deuticke Verlagsgesellschaft, Wien und München 1997,
294 Seiten, ISBN: 3-216-30306-3

Liebe LeserInnen,

in den letzten 30 Jahren hat sich in den Geschlechterverhältnissen mancherlei getan. Feministinnen stellten die Grundlagen der Männerherrschaft in Frage, und mancher wähnte bereits die abendländische Kultur in Gefahr. Aber zum Glück gibt es noch Autoren und auch Autorinnen, die uns zeigen, wo der Hammer hängt.

Etwas subtiler als vor Jahrzehnten, denn wer heute noch platt behaupten wollte, daß Frauen einfach dümmer seien als Männer, würde nicht mehr ernstgenommen. In wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen aller Art wird versucht, die alte Geschichte von der angeblich natürlichen Ungleichheit der Geschlechter neu zu erzählen. Ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel möchte ich hier vorstellen.

Sabina Riedl, Wissenschaftsredakteurin beim Österreichischen Fernsehen, und Barbara Schweder, Humanbiologin an der Universität Wien, stellen einen Haufen Untersuchungsergebnisse zusammen, um zu beweisen, daß Männer und Frauen fast so etwas wie verschiedene Spezies seien. Daß "weibliche" Eigenschaften dabei nicht diffamiert, sondern teilweise positiv besetzt werden, halten sie für fortschrittlich. Aber: Alle aufgeführten Fakten - z.B. daß Männer tendenziell gewalttätiger sind als Frauen, daß sie schlechter über Gefühle sprechen können usw. - werden von den Autorinnen nicht etwa als Resultat gesellschaftlicher Rollenmuster eingestuft, sondern auf unterschiedliche Gehirnstrukturen, Hormonspiegel und andere biologisch bedingte Ursachen zurückgeführt. Mehr noch: Riedl, Schweder und die von ihnen zitierten ForscherInnen schreiben diesen Geschlechterunterschieden einen biologischen Sinn zu - allemal sollen sie in irgendeiner Weise der Weitergabe der eigenen Gene, also der Fortpflanzung dienen.

Daß z.B. Frauen beim Hetero-Sex weniger häufig zum Orgasmus kommen als Männer, liege nicht etwa an der dumpfen Rein-Raus-Mentalität zahlreicher Schwanzträger, sondern daran, daß die Klitoris beim Geschlechtsverkehr "etwas abseits vom Geschehen" liege. Und das sei auch ganz in Ordnung, denn: "Biologisch betrachtet macht es Sinn, den Mann beim Erreichen des Höhepunktes zu bevorzugen. Die Frau kann ein Kind empfangen, ohne dabei einen Orgasmus zu erleben. Der Mann ist für die Zeugung auf einen Orgasmus angewiesen, denn ohne Höhepunkt kann er nicht ejakulieren." (S. 140) Auch Vergewaltigungen von Frauen durch Männer werden in ähnlicher Weise als biologisches "Andenken aus der Steinzeit" (S. 150) erklärt.

Frauen hingegen sind - wen wundert's - fürs Sanfte, fürs Diplomatische und Gefühlvolle zuständig. Als Beweis dienen Tierversuche: Die US-amerikanische Psychologin Ceilia Moore habe festgestellt, "daß männliche Ratten nur dann in der Lage sind, sich fortzupflanzen, wenn sie als Babys von ihrer Mutter ausreichend geleckt wurden". Und zwar nicht irgendwo, sondern: "Rattenmütter lecken die Genitalregion ihrer Babys. Die Jungen urinieren auf diesen Reiz, wobei sie die Beinchen nach hinten strecken, um der Mutter den Zugang zu erleichtern. Die Mutter (...) scheint auf das salzige Wasser regelrecht Appetit zu haben. (...)

Die männlichen Babys wurden viel häufiger und viel intensiver geleckt als die weiblichen." (S. 166 f.) Wenn diese mütterliche Zuwendung auf männliche und weibliche Junge gleichmäßig verteilt werde, führe dies bei den Männchen später zu gestörtem Sexualverhalten. Soll heißen: Die Fürsorge der Frau für den Mann ist naturgewollt. Der wackeren Psychologin sei empfohlen, ihre Obsessionen lieber selber auszuleben, anstatt sie an unschuldigen Laborratten abzureagieren. Im Heteromilieu mag das freilich nicht ganz so einfach sein wie unter Schwulen, die die erwähnten Vorlieben mittels eines gelben Taschentuchs signalisieren...

Mit Menschen, die in das Schema der rigorosen Geschlechter-Zweiteilung nicht hineinpassen, kennen Riedl und Schweder kein Pardon. Transsexuelle zum Beispiel werden als Kranke beschrieben, denn: "Offenbar ist die Natur entschlossen, an der Zweifaltigkeit des Menschengeschlechts festzuhalten (...)." (S. 132) Und auch Lesben und Schwule seien Ergebnis einer "Fehlentwicklung" im Hormonhaushalt - als Beleg dienen diesmal Versuche mit "vermännlichten" weiblichen Frettchen (S. 123 ff.).

Als Fazit bleibt zwischen den Geschlechtern alles wie gehabt, weil von Mutter Natur vorgegeben und damit auf ewig unveränderbar. Nur die Bewertung einzelner Eigenschaften mag sich ändern, aber die Frau bleibt festgelegt auf die fürsorgliche, sanfte Mutter, der Mann auf den aggressiven potentiellen Vergewaltiger. Auf diesen Unterschieden, so die Autorinnen, "baut schließlich alles auf, was für uns Menschen wichtig ist, was uns ausmacht (...). Nur auf diesem Nährboden kann sich Kultur entwikeln." (S. 267) Die - inzwischen reichlich vorhandenen - Forschungen, die die Polarität der Geschlechter als gesellschaftliches Konstrukt entlarven und damit Utopien jenseits der statischen Zweiteilung und Ungleichheit ermöglichen, werden ignoriert.

Wer unfreiwillige Komik und abstruse Bilder aus der Wissenschaft liebt, sollte zu diesem Buch greifen. Ansonsten ist es nur als schlechtes Beispiel brauchbar.

Hildegard von Bingen (die Jakobinerin)

Riedl, Sabina, Schweder, Barbara: Der kleine Unterschied
Warum Frauen und Männer anders denken und fühlen
Franz Deuticke Verlagsgesellschaft 1997, 294 S.
ISBN 3-216-30306-3, DM 39,00

Die Besprechung erschien am 6. Oktober 1998

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