Die Buchbesprechung von Didine und KollegInnen

Czeslaw Milosz: Das Tal der Issa

Eichborn Verlag, Andere Bibliothek, 352 Seiten, gebunden im Schuber, illustriert,
DM 49.50, erschienen 1999, ISBN-Nr.: 3-8218-4175-3

Geneigte Leserin, geneigter Leser,

in der wunderbaren "Anderen Bibliothek" des Eichborn Verlages ist eines der schönsten Werke des Literatur-Nobelpreisträgers Czeslaw Milosz erschienen: "Das Tal der Issa".

Es handelt sich um einen stark autobiographisch gefärbten Roman, in dem wir die Kindheit und Jugend des Thomas Dilbin im Vorkriegs-Polen verfolgen. Er wächst in eben diesem Tal der Issa auf. Die Issa ist ein schwerer, dunkler und vor allem geheimnisvoller Fluß, der seine Mysthik auf die Anwohner überträgt. So ist klar, daß in den Dörfern und Städtchen an den Ufern der Issa immer wieder geheimnisvolle Sachen passieren, denn der Teufel lauert überall und läßt zum Beispiel die arme Haushälterin des Pfarrers, die ja auch zu freizügig war, nach ihrem Tod immer wieder spuken und nicht zur Ruhe kommen.

Thomas wächst im Herrenhaus seines Großvaters auf. Geheimnisvoll lockend sind aber die vielen Wälder, in denen Menschen morden, Tiere zu Geistern werden oder einfach Natur "geschieht".

In dieser romantischen Idylle bricht die Neuzeit: Die nahe russische Revolution und der ferne erste Weltkrieg zeigen ihre häßlichen Fratzen und so wird Thomas in seinem dreizehnten Lebensjahr von seiner Mutter in eine weiter gen Deutschland gelegene Schule gebracht.

Dieses Buch ist so vieles in einem: Es ist auf jeden Fall ein überaus lyrisch-poetisches Buch, denn selten habe ich Beschreibungen von Mensch und Natur so genossen, so tief empfunden. Es ist ein höchst politisches Buch. So leben in dem Tal der Issa Polen und Litauer seit Jahrhunderten zusammen. Daß dies nicht zwangsläufig bedeuten muß, daß es deshalb zu einer vorurteilsfreien Nachbarschaft kommt ist wahr. Czeslaw Milosz aber zeigt aber äußerst geschickt, wie marginal diese nationalen Definitionen sind, denn in dem Grenzgebiet zwischen Polen und Litauen leben seit Jahrhunderten eben diese Menschen zusammen. So ist dieses Buch auch ein wundervolles Plädoyer gegen Nationalismus. Darüber hinaus ist es ein Buch über die Kindheit, und es zeigt, daß eben diese angeblich so glückliche Kindheit auch eine der schwersten Zeiten des Lebens sein kann.

Zurecht wird Milosz als einer der größten Poeten unserer Zeit gefeiert - und es lohnt sich, ihn auch als äußerst poetischen Romancier kennenzulernen - hier mit diesem großartigen Buch...

Didine van der Platenvlotbrug

Milosz, Czeslaw: Das Tal der Issa
Roman
Eichborn Verlag 1999, 352 S.
ISBN 3-8218-4175-3, DM 49,50

Die Besprechung erschien am 28. August 1999

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