Die Buchbesprechung von Didine und KollegInnen

Christopher Marlowe: Sämtliche Dramen

Eichborn Verlag, 540 Seiten, Leinen, Hardcover,
bis 1.4.2000: DM 98.00, danach 128.-,
erschienen 1999, ISBN-Nr.: 3-8218-0661-3

Geneigte Leserin, geneigter Leser,

eine literarische Sensation kündigt sich an: zum ersten Mal liegen die sämtlichen Dramen des englischen Dramatikers Christopher Marlowe in deutscher Übersetzung vor. Dieser Band vereinigt die Dramen "Tragische Geschichte von Dr. Faust", die den nicht ganz unbekannten Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe zu seinem "Faust" inspirierte, "Dido, Karthagos Königin", "Tamburlan der Große", "Das Massaker zu Paris", "Der Jid von Malta", der ja auch Shakespeare bei seinem "Shylock" inspiriert haben soll und das große Werk "Edward II."

Marlowe wurde 1564 als Sohn eines Schusters in Canterbury geboren. Durch Stipendien schaffte er es die Schule zu besuchen und studiert in Cambridge. Schon früh erwarb er sich den Ruf als großartiges Genie und seine Stücke wurden zu absoluten Publikumsfavoriten. Er bewegte sich in den besten Kreisen und verkehrte mit Adel und den Poeten der Zeit. Aber nicht nur. Immer wieder gibt es Berichte, in denen Marlowe bei üblen Schlägereien in Tavernen mit Todesfolge involviert zu sein scheint. Er war ein Freidenker und schwor der christlichen Lehre ab. Umgekommen ist er in einer Schlägerei.

Und er war schwul! Belegt ist inzwischen, daß er immer seine Günstlinge um sich hatte und mit diesen oftmals nicht nur das Bett teilte. (Anmerkung für unsere soziohistorisch gebildeten Menschen: Ja, die Begriffe schwul und homosexuell gab es damals nicht, aber er hat halt mit Männern gefickt.) Besonders deutlich wird dies in dem großartigen "Edward II.", ein Drama über den ebenfalls Männerliebenden König und seinen Günstling Gaveston. Oder in dem Drama "Dido, Karthagos Königin", in dem anfangs eine zärtliche Spielszene zwischen Jupiter und Ganymed stattfindet, oder oder oder....

Kurz muß man wohl auf den Literatenstreit am Anfang des Jahrhunderts eingehen, der bis heute nachschwingt: Einige Wissenschaftler stellten die Existenz von Shakespeare, dem Zeitgenossen und Kollegen Marlowes in Frage. Manche behaupteten es gäbe keinen Shakespeare, das wäre nur ein Pseudonym für Marlowe gewesen oder auch andersherum. Wieder andere behaupten Shakespeare habe Marlowe aus Mißgunst umgebracht. All diese Diskussionen sind albern und müßig, also bleiben wir bei dem was wir haben:

Es liegt eine großartige Übersetzung der Werke vor, die von Wolfgang Schlüter sehr elegant geschaffen wurde. Es ist immer schwierig, sich dem alten Englisch anzunähern und den Charme der Sprachmelodie einzufangen, andererseits nicht einem peinlichen altertümelnden Stil anheimzufallen. Bis auf ganz wenige Ausrutscher (Was hat ein Laptop bei "Faust" verloren?) ist es ihm brilliant gelungen zwischen den beiden Polen einen sehr lesbaren Weg zu finden...

Für alle Fans großer Literatur ist dieses Buch ein Muß, durch die Übersetzung ist es beides geworden: große englische und große deutsche Literatur. Genießen Sie dieses Buch !!!

Didine van der Platenvlotbrug

Marlowe, Christopher: Sämtliche Dramen
Ins Deutsche übertragen und hrsg. von Wolfgang Schlüter
Eichborn Verlag 1999, 539 S.
ISBN 3-8218-0661-3, DM 98,00

Die Besprechung erschien am 30. November 1999

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