Die Buchbesprechung von Didine und KollegInnen
Heidrun Kaupen-Haas/Christian Saller (Hgg.): Wissenschaftlicher Rassismus.
Analysen einer Kontinuität in den Human- und Naturwissenschaften
Campus Verlag, Frankfurt/M. und New York 1999, 451 S.,
Klappenbroschur, DM 39,80 ,ISBN 3-593-36228-7
Im Jahre 1996 brachte die studentische "AG gegen Rassenkunde" eine Auseinandersetzung um das Institut für Humanbiologie der Universität Hamburg ins Rollen, die über zwei Jahre lang Presse, Bürgerschaft, Wissenschaftsbehörde und Uni-Gremien beschäftigte. Es ging um eine Fülle von rassistischen, frauenfeindlichen und auch lesben- und schwulenfeindlichen Inhalten in Forschung und Lehre des Instituts. So fand bis 1996 regelmäßig eine Vorlesung "Rassenkunde des Menschen" statt (die inzwischen umbenannt wurde), und der Institutsdirektor, Prof. Rainer Knußmann, vertritt in einem von ihm verfaßten, 1996 neu aufgelegten Lehrbuch abgestandendsten Heterosexismus und Biologismus. Heidrun Kaupen-Haas, Professorin für Medizinsoziologie, unterstützte den Protest und nahm ihn zum Anlaß, eine kritische Ringvorlesung zur Humanbiologie zu organisieren. Die Vorträge, ergänzt um einige weitere Beiträge, sind nun als Buch erschienen und seien hiermit wärmstens empfohlen.
Es kann an dieser Stelle nicht auf jeden Beitrag eingegangen werden; lesenswert sind sie alle. Für an Geschlechter- und Homosexualitätsforschung Interessierte dürften besonders die Aufsätze von Marianne Schuller und Christiane Rothmaler von Interesse sein: Schuller beschäftigt sich mit der Konstruktion des "Normalen" und "Anormalen" in den Wissenschaften vom Menschen, besonders im Hinblick auf Geschlecht und Sexualität, und analysiert unter diesem Aspekt auch brillant Knußmanns Lehrbuch. Rothmaler behandelt den Umgang mit sogenannten "Sittlichkeitsverbrechern" in der Weimarer Republik und in der NS-Zeit durch die Kriminalbiologie.
Unter den übrigen Themen seien genannt: die Rassenkunde in der NS-Zeit und ihre Kontinuität nach 1945 (Benoît Massin), wissenschaftlicher Rassismus in den USA 1850-1930 (Norbert Finzsch) oder wissenschaftlich-technokratische Konzepte zur Produktion des "perfekten" Menschen (Gunnar Schmidt, Karl Heinz Roth). Der Biologe Ulrich Kattmann zeigt, daß die Anwendung des Rassenbegriffs auf Menschen keine "objektive" Grundlage hat, sondern ein gesellschaftlicher Vorgang ist. Bei allen diesen Beispielen geht es um den Versuch, menschliche Eigenschaften und gesellschaftliche Verhältnisse für "naturgegeben" zu erklären, sie damit unhinterfragbar zu machen und Herrschaftsverhältnisse zu stützen.
Die Aufsätze machen deutlich, daß es in der Diskussion über die Humanbiologie nicht nur um Spinnereien einiger verkalkter Professoren geht; vielmehr stehen grundlegende Fragen des Wissenschaftsverständnisses zur Debatte. Die HumanbiologInnen berufen sich immer wieder darauf, daß sie die "objektiven" Fakten - zum Beispiel, daß es Rassen gebe - nicht außer Acht lassen dürften; "seriös" betriebene Wissenschaft habe mit Rassismus und Sexismus nichts zu tun. Die von Kaupen-Haas versammelten AutorInnen zeigen hingegen, daß ein beträchtlicher Teil der institutionalisierten Wissenschaft rechtfertigend und systematisierend, nicht selten auch als treibende Kraft zu rassistischer und sexistischer Ideologie und Praxis beigetragen hat und dies auch heute noch tut. Als beispielsweise Knußmanns Lehrer, der Rasssenkundler Egon Freiherr von Eickstedt, während der NS-Zeit sein Rassensystem entwarf oder die Kriminalbiologen "Sittlichkeitsverbrecher" begutachteten, befanden sie sich wissenschaftlich auf der Höhe ihrer Zeit. Auch Josef Mengele war kein wahnsinniger Sadist, sondern ein aufstrebender Nachwuchsforscher.
Ferner wird deutlich, daß wissenschaftliche Kategorien niemals neutral sind, sondern immer geprägt von Ideologien, bewußten und unbewußten Vorannahmen und Interessen der ForscherInnen. Diese Erkenntnis ist zwar nicht ganz taufrisch, aber längst nicht so verbreitet, wie es zu wünschen wäre. Dieses Buch trägt in dankenswerter Weise dazu bei, den Hamburger Konflikt in den Zusammenhang zu stellen, in den er gehört: die Frage, wozu, in wessen Interesse und mit welchen Kategorien Wissenschaft betrieben wird
Jakob Michelsen
Kaupen-Haas, Heidrun: Wissenschaftlicher Rassismus
Analysen einer Kontinuität in den Human- und Naturwissenschaften.
Campus Verlag 1999, 451 S.
ISBN 3-593-36228-7, DM 39,80
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Die Besprechung erschien am 27. Mai 1999
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