Die Buchbesprechung von Didine und KollegInnen

Renaud Camus: Tricks 1 + 2

Aus dem Französischen übertragen von Rolf Stürmer. Mit einem Vorwort von Roland Barthes, Bruno Gmünder Verlag, Berlin 1999, je 16,80 DM ISBN: 3-86187-309-5 und 3-86187-310-9

Die lieblos gestalteten Cover mit den bodygebuildeten Nullachtfünfzehn-Models täuschen: Auch wenn der Bruno Gmünder Verlag alles tut, um diese beiden Bändchen als einen seiner üblichen Wichs-und-weg-Pornos zu tarnen - tatsächlich liegt hier die längst fällige Neuauflage eines der reizvollsten schwulen Werke der Endsiebziger vor.

Der Pariser Autor beschreibt in der Ich-Form eine endlose Reihe von äAufrissen", vom ersten Blickkontakt über alle sexuellen Details bis zum Auseinandergehen und der abschließenden Bemerkung äNie wiedergesehen" oder auch äEr wurde mein bester Freund". Camus’ Sprache ist dabei so sachlich wie ein wissenschaftliches Versuchsprotokoll - aber auch ebenso explizit. Und wie es im Leben eben zugeht, verlaufen die Begegnungen sehr unterschiedlich: mal rundum geil und befriedigend, mal belanglos oder sogar frustrierend. Das eine wie das andere teilt sich dem Leser durch die Schilderung der - im wahrsten Sinne des Wortes - nackten Fakten mit.

Es handelt sich durchaus um ein lustvolles Buch, aber da ist noch eine zweite Ebene: Der Erzähler begegnet eben nicht nur Schwänzen, sondern auch ihren Besitzern - schüchternen und forschen, interessanten und langweiligen, intellektuellen und prolligen. Ein Stückchen ihrer jeweiligen Persönlichkeit wird selbst in diesen kurzen, eindimensionalen Begegnungen sichtbar, in den genau, aber keineswegs langatmig mitgeteilten beiläufigen Handlungen und Dialogen. Selten sind die banalen Gespräche im Laufe eines One-Night-Stands - vor, während und nach dem Sex - so genau eingefangen worden: äIch komme aus Béziers. Kennst du das?’ Nein, aber ich weiß, wo das ist. Ich kenne eher Pézenas ganz gut.’ Ach ja, wie das?’ Ich hatte einen Freund in Pézenas, aber das ist schon lange her.’ (...) Das ist wirklich witzig.’ Warum?’ Weil ich auch aus Pézenas komme. Ich sage immer Béziers, weil das einfacher ist. Aber in Wirklichkeit komme ich aus Pézenas.’ (...) Und du? Du bist aus Paris? Oder woher kommst du?’ Ich bin Auvergnat.’" Und so weiter, und so fort.

Wohl nur in Frankreich mit seiner anerkannten erotisch-literarischen Tradition ist es möglich, daß ein prominenter Wissenschaftler wie Roland Barthes ein Buch wie dieses mit einem Vorwort versieht. Dort heißt es: äSexuelle Praktiken sind an sich banal und armselig, zur Wiederholung verdammt. Jedoch steht diese Armseligkeit in einem Mißverhältnis zum außerordentlichen Vergnügen, das sie hervorrufen." Daß die Wiederholung des scheinbar immer Gleichen nicht langweilig wird, ist eine der erstaunlichsten Leistungen Renaud Camus’. Seine äTricks" ähneln in dieser Hinsicht in der Tat dem, was sie beschreiben - dem Sex selbst.

Jakob Michelsen

Camus, Renaud: Tricks 1 + Tricks 2
aus dem Französischen von Roland Barthes
Bruno Gmünder 1999, 0 S.
ISBN 3-86187-309-5, DM 16,80

Die Besprechung erschien am 21. März 1999

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